Geoarchäologie in der Steppe - Zur Rekonstruktion von Kulturlandschaften im Orchon-Tal, Zentrale Mongolei

Ein neues Verbundprojekt zur Erforschung der UNESCO-Welterbestätte Orchon-Tal

Abb. 1 - Vorgeschichtliche Gräber im oberen Orchon-Tal Bild vergrößern Abb. 1 - Vorgeschichtliche Gräber im oberen Orchon-Tal (© Uni Bonn) Im Juli 2008 hat ein neues mongolisch-deutsches Projekt seine Arbeit aufgenommen, das sich der interdisziplinären Erforschung der Besiedlungsentwicklung im Orchon-Tal vor dem Hintergrund naturräumlicher Einflüsse und Veränderungen widmet. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert und ist auf drei Jahre angelegt. Es steht unter der Federführung der Abteilung für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Universität Bonn, die im Rahmen der Mongolisch-Deutschen Karakorum-Expedition bereits seit 1999 in der Region tätig ist und daher an vielfältige Erfahrungen und Erkenntnisse anknüpfen kann. Neben den Bonner Archäologen und ihren Kollegen vom Institut für Archäologie der Mongolischen Akademie der Wissenschaften sind am Projekt Geographen der Freien Universität Berlin, Geophysiker des Instituts für Photonische Technologien e.V. Jena und der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen sowie Luft- und Raumfahrtingenieure vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. Berlin beteiligt. Abb. 2 - Archäologische Schichten einer frühmittelalterlichen Siedlung treten an der Oberfläche zutage Bild vergrößern Abb. 2 - Archäologische Schichten einer frühmittelalterlichen Siedlung treten an der Oberfläche zutage (© Uni Bonn)

Das Flusstal des Orchon, das im Herzen der Mongolei etwa 300 km westlich von Ulan Bator liegt, wurde aufgrund seiner herausragenden kulturhistorischen Bedeutung von der UNESCO 2004 in die Liste des Welterbes der Menschheit aufgenommen. Es entwickelte sich schon früh zu einer besonders wichtigen Siedlungsregion innerhalb des eurasischen Steppengürtels. Bereits altsteinzeitliche Jäger und Sammler haben hier ihre Spuren hinterlassen, von den Lagerplätzen neolithischer Wildbeuter finden sich überall im Tal zahlreiche Reste, und aus der Bronze- und Eisenzeit stammen hunderte von Grabanlagen und Gedenkplätzen (Abb. 1). Im frühen und hohen Mittelalter wurde das Orchon-Tal mehrmals zum Zentrum bedeutender reiternomadischer Konföderationen (Abb. 2): hier errichteten alttürkische Stämme die berühmten Memorialstätten von Khöshöö Tsaidam mit ihren bilingualen chinesisch-türkischen Inschriftensteinen, hier bauten Uighuren und Mongolen die Hauptstädte ihrer Steppenreiche. Auch später zur Zeit der chinesischen Manchu-Herrschaft bewahrte das Gebiet seine besondere Bedeutung, wovon verschiedene größere Siedlungsplätze und buddhistische Klosteranlagen zeugen.

Die Frage allerdings, warum gerade das Orchon-Tal im Laufe seiner Geschichte immer wieder zum besonderen Fokus der menschlichen Besiedlung wurde und warum sich hier zur Zeit der mittelalterlichen Steppenreiche so gewaltige Bevölkerungszahlen konzentrieren konnten, ist bisher ungeklärt geblieben. Der Lösung dieser Probleme besonders vor dem Hintergrund naturräumlicher Einflüsse widmen sich unsere Forschungen.

Abb. 3 - Ein Grabhügel im oberen Orchon-Tal wird dokumentiert Bild vergrößern Abb. 3 - Ein Grabhügel im oberen Orchon-Tal wird dokumentiert (© Uni Bonn) Innovative Methodik

Die Erforschung vor- und frühgeschichtlicher Mensch-Umwelt-Beziehungen in reiternomadisch genutzten Steppengebieten steht methodisch vor ganz besonderen Herausforderungen, die vor allem in der oft schwachen Intensität der Befunde und in der Weitläufigkeit der Landschaft begründet liegen.

Die Untersuchungen im Rahmen unseres Projektes sind daher an der Schnittstelle archäologischer und geowissenschaftlicher Methodik und Modellbildung angesiedelt, so dass einerseits das ausgefeilte Methodenwissen der einzelnen Disziplinen zur Verfügung steht und andererseits die bestehenden Technologien durch eine Verbindung der unterschiedlichen Methoden für die besonderen Anforderungen des Projektes optimiert und weiterentwickelt werden können. Die klassische archäologische Prospektion, die zur Auffindung und Dokumentation der archäologischen Denkmäler dient (Abb. 3), wird ergänzt durch den Einsatz neuester Fernerkundungstechnologie.

Abb. 4 - Der Oktokopter hebt ab ... Bild vergrößern Abb. 4 - Der Oktokopter hebt ab ... (© Uni Bonn) Die Projektpartner vom DLR e.V. arbeiten mit einer selbst entwickelten, von acht Propellern betriebenen Kleindrohne (Oktokopter), die mit einer Matrixkamera ausgerüstet ist und so die Erstellung von hochauflösenden digitalen Oberflächenmodellen ausgewählter Fundplätze ermöglicht (Abb. 4, 5).

Abb. 5 - ... und gewinnt schnell an Höhe Bild vergrößern Abb. 5 - ... und gewinnt schnell an Höhe (© Uni Bonn) Bei den geographischen Untersuchungen wird mittels Geländebegehung, GPS-gestützter Vermessung und Bohrungen eine geomorphologisch-morphometrische Landschaftsanalyse in Kombination mit einer Analyse der Sedimentzusammensetzung und des sedimentären Aufbaus des oberflächennahen Untergrundes vorgenommen (Abb. 6). Das Ziel ist die Rekonstruktion der jungquartären Entwicklung von Landschaft und Klima im Arbeitsgebiet.

Abb. 6 - Knochenarbeit: Bohrung ungestörter Sedimentkerne für die Rekonstruktion der Landschaftsentwicklung Bild vergrößern Abb. 6 - Knochenarbeit: Bohrung ungestörter Sedimentkerne für die Rekonstruktion der Landschaftsentwicklung (© FU Berlin) Die geophysikalischen Untersuchungen umfassen zum einen geomagnetische Aufmessungen mit einem hochauflösenden Magnetometer mit dem Ziel der detaillierten Darstellung von anthropogenen, obertägig nicht sichtbaren Bodenstrukturen großer Flächen, zum anderen werden Geoelektrik und Georadar eingesetzt, um die Sedimentarchitektur und die archäologischen Befunde in ausgewählten Arealen zu analysieren und auswertbar zu machen. Von der vorgesehenen Weiterentwicklung dreidimensionaler Messmethoden der Geophysik und deren Koppelung mit Bohrungen und Rammkernsondierungen erwarten wir wichtige neue Erkenntnisse zu paläoökologischen Veränderungen in der Steppe.

Abb. 7 - Oktokopter-Luftbild einer ca. 300 m langen Wallanlage am mittleren Orchon Bild vergrößern Abb. 7 - Oktokopter-Luftbild einer ca. 300 m langen Wallanlage am mittleren Orchon (© DLR e.V. Berlin) Die erste Feldkampagne

Im Herbst 2008 fand die erste Feldkampagne im mittleren und oberen Orchon-Tal statt, an der neben den Archäologen der Universität Bonn und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften auch die Geographen der FU Berlin und die Wissenschaftler von DLR e.V. beteiligt waren. Die archäologischen Feldforschungen konzentrierten sich auf zwei Teilgebiete. Im oberen Orchon-Tal haben die Geländearbeiten mit der Begehung in einem Seitental begonnen.

Abb. 8 - Spuren früher Siedler: neolithische Steingeräte aus dem mittleren Orchon-Tal Bild vergrößern Abb. 8 - Spuren früher Siedler: neolithische Steingeräte aus dem mittleren Orchon-Tal (© Uni Bonn) Im Zuge der systematischen Prospektion, bei der alle an der Oberfläche sichtbaren Fundstellen und Kulturdenkmäler dokumentiert wurden, konnten insgesamt 44 Fundstellen vom mittleren Paläolithikum bis in die Neuzeit erfasst werden, darunter auch einige Gräberfelder mit bis zu 93 Gräbern sowie eine Reihe von größeren bronzezeitlichen Monumenten (Khirigsuurs), deren Funktion und Bedeutung noch nicht eindeutig geklärt ist.

Im mittleren Orchontal lag der Fokus dagegen auf den Siedlungsplätzen. Zahlreiche große Wallanlagen in der Umgebung der alten Uighurenhauptstadt Karabalgasun wurden untersucht und mit Hilfe des Oktokopters photogrammetrisch aufgenommen (Abb. 7). Verschiedene mit diesen Denkmälern räumlich in Verbindung stehende Fundstellen (offene Siedlungen, Wirtschaftsanlagen und Bestattungsplätze) wurden ebenfalls dokumentiert. Das chronologische Spektrum der insgesamt 38 aufgenommenen Fundstellen reicht von der Altsteinzeit über das Neolithikum (Abb. 8), die Bronzezeit und das frühe und hohe Mittelalter (Abb. 9) bis in die frühe Neuzeit.

Abb. 9 - Frühmittelalterliche Scherben und Dachziegel in einer Wallanlage Bild vergrößern Abb. 9 - Frühmittelalterliche Scherben und Dachziegel in einer Wallanlage (© Uni Bonn) Gleichzeitig führten die Geographen der Freien Universität Berlin physisch-geographische Untersuchungen im oberen und mittleren Orchon-Tal durch und gewannen zahlreiche Bohrkerne und oberflächige Sedimente zur Analyse.

Ausblick

Die Vielzahl neuer Erkenntnisse haben die Erwartungen an die erste Feldkampagne weit übertroffen. Das zeitliche Spektrum der aufgefundenen Bodendenkmäler ist wesentlich umfassender, als man für diesen kurzen Feldaufenthalt für möglich gehalten hätte, was den außerordentlichen archäologischen Reichtum dieser Region auch in Zeiten, die bisher weniger im Fokus der Forschung standen, unterstreicht. Besonders wichtig für die weiteren Feldarbeiten ist nicht zuletzt auch die Erkenntnis, dass sich der Oktokopter, der zur Gewinnung von Bilddaten für digitale Höhenmodelle und georeferenzierte Überblicksfotos eingesetzt wurde, unter den nicht immer einfachen Flugbedingungen in der Steppe hervorragend bewährt hat.

Bei der zweiten Feldkampagne, die für Mai 2009 geplant ist, werden sich die Forschungen auf die geophysikalischen Messungen konzentrieren. Es geht vor allem darum, mit Hilfe der verschiedenen Verfahren die Innenflächen und die unmittelbare Umgebung der im Herbst dokumentierten Fundstellen zu untersuchen und gleichzeitig die Technologie für den Einsatz in der Steppe zu optimieren.

Prof. Dr. Jan Bemmann, Universität Bonn

Weitere Informationen zum Projekt:

Universität Bonn

Rekonstruktion von Kulturlandschaften im Orchon-Tal

Abb. 10 - Die Teilnehmer der ersten Feldkampagne im Herbst 2008