Eine Tempelplattform für Karakorum

Computermodell der Plattform Bild vergrößern Computermodell der Plattform (© DAI Bonn)

Seit dem Jahr 2000 graben deutsche und mongolische Archäologen gemeinsam in Karakorum, der auf Erlass von Dschingis Khan im Jahr 1220 gegründeten ersten mongolischen Hauptstadt. In diesen fünfzehn Jahren wurden tausende von Fundstücken ausgegraben und viele neue Erkenntnisse gewonnen. Und dabei wurde auch aus einem Palast ein Tempel…

Der Palast des Khan

Schon in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts vermuteten russische Archäologen, dass an der Südwestecke des alten Karakorums einst der Palast des Khan gestanden habe. Und wirklich fanden die Archäologen bei ihren Ausgrabungen eine große Plattform und darauf steinerne Säulenfundamente, die auf ein imposantes Gebäude hinwiesen. Aber noch ließ sich die russische These weder bestätigen noch widerlegen.

Zwei deutsch-mongolische Archäologenteams gruben Sommer um Sommer nach neuen Erkenntnissen: ein Team der Universität Bonn im Stadtzentrum und ein Team des Deutschen Archäologischen Instituts im Palastareal.

Nach mehr als zehn Jahren sorgfältigster Grabungen und Katalogisierung aller gefundenen Stücke war man Karakorum ein gutes Stück näher gekommen: man kannte nun den Grundriss der Stadt, man hatte ein Handwerkerviertel und alte Brennöfen gefunden, man wusste, wo die Wohnviertel lagen und man hatte Gebäude vielfältigster Kulturen, eines davon am Nordeingang, freigelegt.

 

Neue Erkenntnisse

Natürlich hatten sich die Wissenschaftler auch tiefer in die Schichten des ehemaligen Palastes vorgegraben. Dabei stellten sie fest, dass fast alle Gegenstände, die sie dort fanden, religiöse Relikte waren – und keineswegs Gebrauchsgegenstände eines Palasthaushalts! Mittlerweile ist die Zahl der dort gefun­denen Buddhastatuen, Halbreliefs, Votivgaben (sogenannte „Tsatsas“), Wanddekorationen und Bauschmuck auf viele tausend angewachsen.

in jahrelangen Grabungen wird die Anlage freigelegt Bild vergrößern in jahrelangen Grabungen wird die Anlage freigelegt (© DAI Bonn/Ertl)

Und so wagten die Archäologen schließlich, an der seit immer­hin mehr als 60 Jahren stehenden russischen These zu rütteln und zu erklären, das Gebäude auf der Plattform sei gar kein Palast, sondern ein Tempel gewesen. Doch wie sah dieser Tempel einst aus? Und wenn es sich hier um einen Tempel handelte, wo befand sich dann der Palast des Khans?

 

Das Kloster Erdene Zuu

Direkt südlich an die Stadtmauern grenzt heute das Kloster Erdene Zuu. Es wurde in der Mitte des 16. Jahrhunderts vermutlich zum Teil mit Steinen der damals verlassenen und verfallenen Hauptstadt Karakorum erbaut.

Neuere Grabungen entlang der Klostermauern zeigen, dass diese auf alten, schon bestehenden Mauern erbaut wurden. Die alten Mauern haben genau denselben Grundriss des heutigen Klosters. Zudem sind sie direkt im Süden der Stadt gelegen – einem für Mongolen strategisch wichtigen Punkt. Es liegt also nahe, in ihnen die Mauern des ehemaligen Palastes zu vermuten.

 

Eine Tempelplattform soll entstehen

Damit war das Rätsel aller Wahrscheinlichkeit nach gelöst. Bei der ausgegrabenen Plattform handelte es sich also sehr wahrscheinlich um einen großen imposanten Tempelbau und nicht um den Palst des Khans.

Nach nunmehr fünfzehn Jahren archäologischer Tätigkeit in Karakorum ist nun der nächste Schritt erreicht: man will die gewonnenen Erkenntnisse den Menschen dauerhaft zugänglich machen, indem man ein Gebäude wiedererstehen lässt. Man entschied sich dabei für den einstigen Tempel.

Aber wie den Plan in die Tat umsetzen?

Trotz der vielen Fundstücke hatte man nicht genügend konkrete Hinweise darauf, wie der Tempel genau ausgesehen haben könnte. Sollte man riskieren, einen Tempel zu errichten, der später einmal, nach neueren archäologischen Erkenntnissen, als „falsch“ erklärt werden konnte? Das wollte man nicht. Und so entschied man sich dafür, dass zu zeigen, was man sicher wusste und was man durch archäologische Funde auch bestätigen kann. Das erhabene, mehrschichtige Fundament des Tempelbaus wurde freigelegt und gesichert. 

Während der erneuten Freilegung, Sicherung und Teilrekonstruktion der Tempelplattform im Rahmen eines deutsch-mongolischen Kulturerhaltprojektes wurden 2014 Überraschungsfunde gemacht. Es wurden Gründungsbeigaben entdeckt, die für die heutige Mongolei bisher einmalig sind.

  Bild vergrößern Zu Beginn der Grabungen im Jahr 2000 und ganz in der Nähe des Tempels fanden die Archäologen 4 Brennöfen, in denen damals die für die Rekonstruktion benötigten Ziegel gebrannt wurden. Genau dieselbe alte Brenntechnik wie vor 800 Jahren wird nun angewandt, um die vielen tausend Ziegel, die für die Restaurierung der Plattform nötig sind, herzustellen.

Im letzten Herbst wurde die Tempelplattform fertig gestellt. Am 8. Mai 2016 wurde sie feierlich eingeweiht – gerade pünktlich zur Touristensaison. 

Eine Tempelplattform für Karakorum

genau dort, wo sie vor Jahrhunderten schon einmal erbaut wurde

Bildergalerie Tempelplattform in Karakorum