Die Projekte der Mongolisch-Deutschen Karakorum-Expedition in Karakorum und Erdene zuu

Seit Juli 2000 graben Archäologen des Deutschen Archäologischen Instituts und der Universität Bonn unter dem gemeinsamen Dach der 1998 konstituierten Mongolisch-Deutschen Karakorum-Expedition (MDKE) in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für Archäologie der Mongolischen Akademie der Wissenschaften an Schlüsselstellen der altmongolischen Hauptstadt Karakorum, Grabungsrestauratorin Andrea Steffen bei der Präparierung eines buddhistischen Tonreliefs (© DAI-Team 3) um durch gezielte Ausgrabungen neue Quellen zur Stadtgeschichte sowie zur Geschichte und internationalen Kultur des mongolischen Weltreichs zu erschließen. „In Anbetracht der großen Bedeutung des Projekts für die Geschichte der Mongolei und die internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Archäologie und in Hinblick auf den weiteren Ausbau der deutsch-mongolischen Beziehungen" haben in einer Erklärung vom 30.Mai 2000 der Staatspräsident der Mongolei und der deutsche Bundespräsident die Schirmherrschaft über die deutsch-mongolischen Ausgrabungen übernommen.

Eine wesentliche Voraussetzung für die Arbeit aller Projekte bildete einerseits die geomagnetische Prospektion (1999/2000) durch H. Mommsen und D. Renner, Institut für Strahlen- und Kernphysik der Universität Bonn sowie die Vermessungsarbeiten und die topographische Dokumentation Karakorums (2000/2006) durch Mitarbeiter der Hochschule für Technik, Karlsruhe, unter der Leitung von A. Rieger.

Projekt Karakorum-Stadtmitte: Die 2005 abgeschlossenen Ausgrabungen der Universität Bonn konzentrierten sich auf die Stadtmitte. Dort sind kleinere Ausschnitte der Hauptstraße mit anliegenden Wohnhäusern und Werkplätzen des mutmaßlich chinesischen Viertels gegraben worden. Von besonderer Bedeutung ist hier die Aufdeckung der Nord-Süd-gerichteten Hauptstrasse von Karakorum, die das Stadtgebiet in zwei annähernd gleich große Hälften gliedert. Es ist davon auszugehen, dass diese Straße bereits in der Frühzeit der Stadt, in der ersten Hälfte des 13.Jahrhundert angelegt worden ist, deutlicher Hinweis für eine von Beginn an durchgeplante Stadt. Nahe der Straße fanden sich mehrere Werkplätze mit einer ganzen Reihe von Feuerstellen und Öfen, die der Verarbeitung verschiedenster Materialien dienten. Die Leiter der Stadtmitte-Grabungen, U.Erdenebat und E.Pohl nehmen an, dass sich hier und weiter östlich der Hauptstraße das in der Stadtbeschreibung Wilhelm von Rubrucks (1256) überlieferte „Viertel der Cathai", der Nordchinesen erstreckte, die nach Rubruk „durch die Bank Handwerker" waren. An die 400 chinesische Fundmünzen allein aus der Stadtmittegrabung dokumentieren einen geregelten Geldumlauf. Mittelasiatische Silbermünzen, darunter eine von 1237, die in der Münzlegende „Qorum" nennt und damit das früheste datierte Namenszeugnis der erst 1235 erbauten Stadt darstellt, deuten auf interkontinentale Handelsverbindungen schon in den Anfängen der Stadt. Aus den Stadtmittegrabungen stammt auch eines der wichtigsten datierten Zeugnisse aus der Spätzeit Karakorums das Ayuširidara-Siegel, ein Siegel des Finanzministeriums aus dem Jahre 1371.

Projekt Karakorum-Palast: Die noch laufenden Ausgrabungen des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) unter der Leitung von H.-G. Hüttel und D. Bayar widmeten sich bis 2006 ausgewählten Anlagen im Südwesten („Palastbezirk") und Norden der Stadt sowie in Erdene zuu. Lohn der Arbeit: Buddhistisches Tonrelief aus der Großen Halle in Karakorum (© DAI) Die deutsch-mongolischen Ausgrabungen im sogenannten Palastbezirk haben u.a. nachgewiesen, dass der vermeintliche Khans-Palast nahe der Granitschildkröte ein buddhistischer Tempel des 13. und 14.Jahrhunderts war. Die Ausgräber vermuten, dass es sich um den in einer Karakorum-Inschrift beschriebenen „Pavillon des Anfangs der Yüan" handelt. Der Unterbau dieses Pavillons ist bereits zwischen 1235 und 1241 unter Ögedei Khaan errichtet worden, während der Oberbau des Tempels erst 1256 unter Möngke Khaan vollendet worden ist. Der Tempel symbolisierte Karakorum als den Ort, an dem die Dynastie der Yüan-Kaiser ihren Ursprung hat.

Der in den Jahren 2001 bis 2004 freigelegte Tempel war mit 38 m x 38 m eines der größten Bauwerke in Karakorum. Er ist der bisher älteste mongolische Stupatempel und der nach Amyrbayasgalant größte buddhistische Tempelbau in der Mongolei.

In unmittelbarer Nähe des Tempels sind ein weiterer Tempel sowie etliche Brennöfen ausgegraben worden, ein in der Mongolei einzigartiges technikgeschichtliches Denkmal.

Die "Große Halle" (vermeintlicher Ögedei-Palast) (© D. Ertel/DAI-Team 2) Palast und Palaststadt, nach Marco Polo eine „mächtige Burg", müssen nach dem von einander unabhängigem Zeugnis aller zeitgenössischen europäischen und persischen Quellen außerhalb der Stadt gelegen haben. Die wirkliche Palaststadt liegt, wie die deutsch-mongolischen Ausgrabungen in den Jahren 2005 und 2006 bewiesen haben, nicht wie bisher angenommen im Südwesten der Stadt, sondern tatsächlich außerhalb der Stadt unter Erdene zuu. In sechs Wallschnitten konnte 2005 und 2006 nachgewiesen werden, das die Klostermauern von Erdene zuu auf den etwa 7,5 m dicken Stampflehmmauern der alten Palaststadt stehen. Nach persischen Angaben war die Palaststadt wie das Kloster von Erdene zuu eine Anlage mit vier Toren in alle Himmelsrichtungen.

Projekt Bauaufnahme Erdene zuu: In enger Zusammenarbeit mit dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Karakorum-Projekt des DAI widmete sich ein weiteres DFG-Projekt unter der Leitung der Architekten A. Brandt und N. Gutschow der Architekturdokumentation und Baugeschichte von Erdene zuu, das 1586 an die Stelle Karakorums trat und die „Stadt des Činggis Khan und der zwei Heiligen“ (Ögedei und Möngke Khan) als (Kloster)Stadt und Kultzentrum beerbte. Im Zuge der gemeinsamen Arbeiten des DAI mit dem Architekturprojekt in Erdene zuu wurde u.a. das Bruchstück einer chinesisch-mongolischen Karakorum-Inschrift ausgegraben. Dieser Inschriftenstein trägt das Gründungsdatum Karakorums: „Im fünfzehnten Jahr des Taizu [Činggis Khan], im Jahr des Drachens (1220)...“.

Die deutschen Forschungen in Karakorum und Erdene zuu bildeten auch den entscheidenden Anstoß zur großen Mongolei-Ausstellung „Dschingis Khan und seine Erben" in Bonn und München, in der die neuesten Forschungsergebnisse aller Projekte der MDKE erstmals einer großen Öffentlichkeit präsentiert werden konnten.

Im Rahmen aller Projekte konnten dank großzügiger Unterstützung durch den DAAD seit Juli 2000 mongolische und deutsche Studenten in feldarchäologischen Praktika, in Vorlesungen und Übungen ausgebildet und das ausgegrabene Material in Magisterarbeiten und Dissertationen bearbeitet werden.

Prof. Dr. Hüttel, DAI

Miniaturnachbau Karakorum im Nationalmuseum für mongolische Geschichte

 

Projekte der Mongolisch-Deutschen Karakorum-Expedition

Plakate des Deutschen Archäologischen Institutes zu den Ergebnissen der Expeditionen

Hier stellen wir Ihnen mit ferundlicher Genehmigung des DAI die Plakate zu den Ergebnissen der Expeditionen als Download-Dateien Zu Verfügung.